Presse

Von den Toten leben

aus: DER TAGESSPIEGEL, 21.05.2003, Berlin

Sie treffen sich im Krematorium, dienstlich. Denn die Geschäfte laufen schlecht. Und nun fällt auch noch das Sterbegeld weg, klagen die Bestatter. Ein Branchenbericht.

Von Kirsten Wenzel

Sie sind einer fürs Sterben, Sie können das, sagte die Oberin, das hab ich im Gefühl. Andere würden bei so einem Satz blass werden, für den Zivildienstleistenden Markus Siekmann war er ein Ritterschlag. Er war stolz darauf, die Arbeit mit Totgeweihten erfordert viel Einfühlungsvermögen und seelische Robustheit, das kann nicht jeder. Markus Siekmann ist eine imposante Erscheinung, langer Gehrock, schwarzer Siegelring am Finger, 31 Jahre alt und Berlins jüngster Bestatter. Wenn es sein muss, prügelt er sich für die Würde der ihm Anvertrauten, wie letztes Jahr bei der Beerdigung eines kleinen Mädchens, das im Kinderwagen verbrannt war. Die Pressefotografen wollten die Mutter am Grab nicht in Ruhe lassen, irgendwann mussten ihre Kameras dran glauben. Siekmann war vorher Pfleger und Trauerbegleiter im Hospiz, jetzt gründet er gerade ein eigenes Sterbe- und Trauerhaus. Auch wenn das, wie er zugibt, in diesen Zeiten eine ziemlich verrückte Idee ist. Aber dennoch glaubt er, dass er mit seinem Konzept eine Marktlücke entdeckt hat.

Die Branche steckt in Berlin schon länger in der Krise: Jedes Jahr gibt es weniger Tote in der Stadt, die Lebenserwartung steigt Jahr für Jahr, "Mortalitätsrate unter zehn Promille gesunken", seufzt Axel Kluth von der Landesinnung, und bei ihm klingt das so, als würde aus purer Gemeinheit bald überhaupt niemand mehr sterben wollen. Immerhin sind es noch 2500 Menschen im Monat, 83 am Tag, alle Viertelstunde einer - und doch ist das zu wenig. Zu wenig für die Unterhaltung der riesigen Friedhofsflächen, über die Berlin verfügt, und zu wenig für die 276 Beerdigungsunternehmen in der Stadt. Umsatzeinbußen über 30 Prozent beklagten sie in den letzten Jahren. Dann auch noch die Halbierung des Sterbegeldes von 1050 auf 525 Euro zu Beginn des Jahres und nun die angekündigte komplette Abschaffung für das nächste Jahr.

Bunt bemalte Särge

Es wäre sicherlich übertrieben, nun gleich den Untergang der Zunft nahen zu sehen. Viele, wie der jetzt ausgerechnet von der Ideal-Lebensversicherung übernommene Branchenriese Grieneisen mit 180 Filialen und einem Umsatz von 37 Millionen Euro, machen nach wie vor ein sehr gutes Geschäft. Daran wird auch die Streichung des Zuschusses von der Krankenkasse wenig ändern. Klagen gehört zum Handwerk. Bislang schauen die Deutschen im Trauerfall nicht aufs Geld, wählen aus Pietät nicht das billigste Sargmodell, holen nur selten Vergleichsangebote ein. Es gibt ordentliche Gewinnspannen und satte Aufschläge: Bei jeder Dienstleistung, die der Bestatter vermittelt, ob Blumengebinde, Trauerkutsche oder Grabredner, stets verdient er mit. Dennoch: Das Klima wird rauer, das Geld knapper, die Konkurrenz um die Sterbefälle härter.

Arbeitstreffen im Andachtsraum des Krematoriums Treptow. Eingeladen hat die Gesellschaft für weltliche Trauerkultur zu der Frage: "Wie können wir besser mit den Toten, wie von den Toten leben?" Siekmann und zehn Kollegen treffen sich, es sind die Engagierten, die Reformer. Die genug haben von dunkelvioletten Jalousien, der Urne im Schaufenster und der Primel auf dem Tisch. Die die staubigen Bestattungsrituale aufmischen wollen, mit bemalten Särgen und Sonnenblumen auf dem Grab. Warum nicht die Urne im heimischen Garten beisetzen oder in der Lagune von Venedig? Oder noch besser: die Asche des Geliebten in einem Medaillon an der Brust tragen? Noch steht bei so mancher Idee der Gesetzgeber im Weg: Es gibt die strikte Friedhofspflicht für Urnen und einen Haufen anderer Verordnungen.

Siekmann ist kein Pop- oder Eventbestatter. Er wünscht sich etwas weniger Staub und glatte Routine, doch sein Anliegen ist ein klassisches. Weg vom Verkaufsgespräch, hin zur individuellen Begleitung des Trauernden. Die psychologische Betreuung von Menschen in der Ausnahmesituation Trauer, das ist bis heute in der Branche keineswegs Standard. Aber dafür werden sie bezahlt. Bei manchen Kollegen würden die Angehörigen an einem Counter beraten, sagt Siekmann, als wollten sie einen Mietwagen leihen.

Zum Schluss ein Fest mit den Lieblingsblumen, der Lieblingsmusik, von einem Streichquartett gespielt, das muss man sich leisten können. Und auch wollen. Die Kosten des Todes beginnen schon mit der Ausstellung des Totenscheins, dann folgt eine fast endlose Liste von Rechnungen. Hausabholung und Hülle etwa 250 Euro; Sarg mindestens 500 Euro; Krematoriumsgebühren in Berlin 270 Euro; Friedhofsgebühren etwa 900 Euro, Grabpflege natürlich extra. Zuzüglich Redner, Leichenwäsche, Blumen, Trauerkarten, Leichenschmaus, die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. Bisher lieferte das "Sterbegeld" einen Sockelbetrag dazu, der verhinderte, dass sich jemand aus Kostengründen im Garten verscharren ließ. Auch in Zukunft springt die Sozialhilfe mit bescheidenen Sätzen ein, bei denen, die nicht bezahlen können. Aber was ist mit denen, die den Pappsarg fordern oder die beträchtlichen Friedhofsgebühren sparen wollen? Soll man sie auch weiterhin zum Respekt vor ihren eigenen sterblichen Überresten zwingen?

In Karsten Frombergs Geschäft steht gleich am Eingang ein Sarg, ein Prunkstück aus massiver Eiche und riesengroß, mit Kupferbeschlägen und Schnitzereien. Auf dem Preisschild steht: 8950 Euro, Deutschlands teuerster Sarg, in Fachkreisen inoffiziell auch "Familiengruft" genannt. Willy Brandt wurde in einem solchen Sarg beerdigt, erzählt Fromberg, und wissen Sie, was die "Bild"-Zeitung schrieb? "Brandt liegt in einem schlichten Eichensarg". Das nennen die schlicht. Fromberg stammt aus einer alten Bestatterfamilie, sein Urgroßvater gründete das Unternehmen 1875. Der war natürlich noch Tischler und sein Großvater auch. Das kunstfertige Bauen eines Sargs war damals die Hauptaufgabe des Bestatters.

Der Tod riecht süß

Als Karsten Fromberg ein Junge war, setzte ihn seine Mutter zum Spielen in einen Sarg, mit Sägespänen und einer Schaufel. Ganz normaler Alltag in einer Kreuzberger Unternehmerfamilie. Mit sechs half er seinem Vater schon beim Ausschlagen der Särge. Die Schulkameraden fanden es herrlich, ihn zu besuchen, schön gruselig. Bis er 19 war, sagt Fromberg, war der Tod nichts Bedrohliches und nur eine Angelegenheit der anderen. Dann starb sein Großvater, und der heitere Kinderblick auf das Gewerbe ging ihm verloren.

Bei Fromberg gibt es keinen modischen Schnickschnack, dafür ganz traditionell eine große Modellausstellung im Keller, Särge von 500 bis 8000 Euro. Die altrosa Polstersitzgruppe in seinem Besprechungsraum könnte auch in dem Wohnzimmer einer älteren Dame stehen. Der einzige bunte Sarg ist hellblau, mit Sternen und Monden, für ein Kind. Da kann ich gar nicht hingucken, sagt Fromberg und nennt es Berufspessimismus. Vor 14 Wochen ist er Vater geworden. Er ist ein unscheinbarer Mann, korrekt im Zweiteiler gekleidet, er hat Bankkaufmann gelernt. Die Ausbildung passt wie die Faust aufs Auge, sagt er, Rechtsberatung, Finanzberatung, Vollmachten, mit solchen Fragen sitzen die Menschen bei ihm. So manche alte Dame müsse er aus Knebelverträgen mit Sterbegeldversicherungen rausboxen. "Die zahlen zum Teil 400 Euro im Monat und das seit Jahren. Ausgezahlt wird später ein Bruchteil. Da kann man doch nicht weggucken."

Es gibt wenig reiche Leute in Kreuzberg, die für einen polierten Furniersarg mit seidenem Innenbett 4000 Euro hinlegen können. Natürlich kommen da welche in sein Geschäft, die vorschlagen, man könne doch auch einen Plastiksack nehmen. Ich müsste ihnen auch dafür 500 Euro abnehmen, sagt Fromberg, ich werde für meine Dienstleistung bezahlt. Wenn jemand möchte, verkauft er auch den billigsten Sarg - eigentlich für eine Feuerbestattung vorgesehen - für eine Erdbestattung. Ich sag ihnen nur, was passiert, wenn da 1800 Kilo Erde drauffallen. Der Sarg geht kaputt, der Tote wird zerquetscht. Ich stell das jedem frei.

Der Tod riecht süß und ist kalt, sagt der Bestatter, und es ist schwer, sich daran zu gewöhnen. Nicht an den Geruch, der ist nicht so schlimm, auch wenn der Körper schon ein paar Tage liegt. Nein, die Kälte des Körpers, die sei schwer zu begreifen, weil wir die Haut nur warm kennen. Der Tod macht den Menschen Angst, auch Fromberg, der noch heute zusammenzuckt, wenn er über eine Leiche treten muss, um das Fenster zu öffnen. Doch Angst ist etwas anderes als das blinde Wegschieben. 36 Stunden könnten Verstorbene nach den Vorschriften noch zu Hause bleiben. Fromberg schlägt das gerne vor. Soll ich etwas später kommen, fragt er, dann können Sie sich noch in Ruhe von Ihrem Mann verabschieden. Eine Kerze anzünden, ein letztes Gespräch, noch einmal zusammen Musik hören. Da wäre viel möglich an Individualität, dafür braucht man keine Reform. Kommen Sie so schnell wie möglich, antworten die allermeisten. Neun von zehn.

Mehr als 70 Prozent aller Bestattungen führen heute ins Feuer. In zwei Stunden wird dort aus dem Leichnam wieder ein sauberes Häufchen Staub, das ist billiger und für die meisten Zeitgenossen weniger unheimlich als der leibhaftige Weg unter die Erde. Im Hightech-Krematorium Treptow, von Kanzleramtsarchitekt Axel Schultes entworfen, fahren Roboterfahrzeuge mit Barcodes versehene Särge von der Kühlhalle zu den Verbrennungsöfen. Man möchte diese Arbeit keinem Menschen mehr zumuten. Verständlich, und doch sagt es viel aus, dass dieser industrielle Vorgang, in Abwesenheit des Menschen, heute der Normalfall ist. Die Urne wird dem Friedhof auf dem Postweg zugestellt.


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