Quelle: DIE ZEIT, 35/2003
Der Tabubruch erreicht eine neue Qualität: Gunther von Hagens' "Körperwelten" ziehen in ein Hamburger Erotik-Museum
Von Thomas Assheuer
Eigentlich ist hier, am Nobistor, 50 Meter hinter der Großen Freiheit, die Reeperbahn zu Ende. Möllers Lokal ("deutsche Küche") stillt den kleinen Hunger danach, einige Sexläden stehen leer oder wurden zweckentfremdet. Auf dem Gehsteig hat jemand einen Eimer weißer Farbe verschüttet. Zwischen dem Spielsalon "Volltreffer" und einem China-Club zwängt sich ein schlankes Gebäude in die Häuserzeile, unter einer Schmutzschicht sieht man noch die leicht vergammelte Eleganz der neunziger Jahre. Das Haus steht leer, sein Besitzer ist pleite, das alte Museumsschild hängt noch: "Erotic Art Museum".
Nichts weckt das Begehren der Hamburger Kulturpolitik mehr als die verlassenen Räume des ehemaligen Erotic Art Museums. Ende August soll hier, komme, was wolle, die Leichenschau Körperwelten gastieren, gleichsam im Naturzustand, so wie ihr Erfinder Gunther von Hagens sie erschaffen hat. Als das zuständige Bezirksamt Einwände wegen der möglichen Verletzung der Totenwürde vorbrachte, zog der Senat das Verfahren geräuschvoll an sich und erklärte die Leichenschau zur Chefsache.
Man kann die Freie und Hansestadt Hamburg verstehen. Die Ausstellung von Leichen in verkehrsgünstiger Lage, im Auslauf der Reeperbahn, ist das vitale Hauptereignis der kulturellen Saison und der erste "Erfolg" von Dana Horáková, der Kultursenatorin. Glaubt man dem Leichenpräparator Gunther von Hagens, dann hat sie ihm das Blaue vom Himmel versprochen, die große Freiheit und den Platz an der Sonne. Endlich, so sagte er der Welt, dürfe er seine Leichen in Reih und Glied aufstellen, das ganze Set, darunter sein in München verbotenes und mit Goldfolie zwangsverhängtes Meisterwerk, den toten Reiter auf totem Hengst, für dessen Herrichtung 20 Mitarbeiter jahrelang schufteten.
Im Erotic Art Museum, sagt von Hagens, dürfe der Reiter nun "strippen". Auch die "anatomische Präsentation menschlicher Fortpflanzung" soll zu Aufklärungszwecken "verstärkt" ausgestellt werden, der erigierte Penis eines Toten, eine Klitoris und ein Fötus im Mutterleib. Dass er auch die Kopulation von Leichen und einen Jesus am Kreuz zeigen wolle, bestreitet von Hagens. So ein Projekt müsse "sehr genau durchdacht werden". Bevor es so weit ist, mag sich das Publikum mit dem "Gestaltplastinat-Puzzle" (1000 Teile mit Haut) die Zeit vertreiben. Vielleicht gibt's im Museums-Shop auch, was in München verboten war: die Schlüsselanhänger "Fußscheibe" und "Lunge" sowie andere praktische Leichenteil-Imitate für den täglichen Bedarf.
Von Hagens nennt seine Leichenschau "Gesundheitsaufklärung", für die Kultursenatorin ist es ein "Event". Das ist die Lieblingsphrase der Hamburger Kulturpolitik unter dem Ersten Bürgermeister Ole von Beust. Wie alle populistisch entleerte Politik, ist sie gierig nach Sensation und Spektakel, und wer es nicht mit eigenen Augen erlebt, für den ist die Vulgarisierung, von der Hamburg unter der gerade zerbrechenden Koalition von CDU und Schill-Partei heimgesucht wurde, nur schwer zu begreifen. Eben noch hatte man den pornografisch interessierten Künstler Jeff Koons gebeten, auf der Reeperbahn zwei Baukräne aufzustellen, die sich wie phallische Zeichen über der Lustmeile in den Himmel recken - Hamburg grüßt den Rest der Welt.
Gleichwohl hält sich der öffentliche Unmut in Grenzen. Gegen Horákovás Leichen-Event im Erotic Art Museum protestierte lediglich eine Hand voll kirchliche Würdenträger. Das christlich-konservative Bürgertum, das Türen knallend nach Sitte und Anstand ruft, sobald im Theater nacktes Fleisch zu sehen ist, gibt sich bedeckt. Eine Boulevardzeitung, die politisch auf dem linken Flügel spielt, feiert die Totenshow als das "pralle Leben". Schließlich erwartet die Stadt eine halbe Million Besucher, und das wissen sogar die politischen Gegner.
Die Körpermaschinen leben nicht mehr, funktionieren aber noch
Gunther von Hagens hat viele Gegner, aber je mehr es werden, desto erfolgreicher sind seine Ausstellungen. Mannheim, Berlin, London, München, Hamburg und bald die ganze Welt. Je umstrittener, desto besser, und so kommt ihm jedes feindliche Bischofswort wie gerufen. Allerdings, selbst Kollegen, die sich von seiner Leichenschau angewidert abwenden, sind der Meinung, Gunther von Hagens habe der wissenschaftlichen Welt eine neue und wichtige Methode geschenkt, das Verfahren der Plastination. Dabei werden Gewebewasser und -fette mit großen Mengen Acetol ausgetrocknet und gegen Kunststoffe ausgetauscht. Als "Trockenpräparate" sind die Leichen nicht nur haltbar bis in alle Ewigkeit; sie eignen sich auch als formbare Biomasse. Der Anatom kann beliebig Hand anlegen und die Leichen richten und dehnen, falten und biegen, recken und strecken. Er kann Muskelstränge verlegen, Organe neu arrangieren und vieles mehr. "Körper sollen so flexibel sein wie Schnuller. Man müsste sie wie einen Schwamm zum Waschen benutzen können." Stolz zeigt von Hagens einen Schnellläufer mit flügelartig aufgeklappten Muskeln, daneben einen bebrillten Radfahrer, dem Knochen und Muskeln auf das Anderthalbfache ihrer "Originalgröße" gedehnt wurden. Ein Skelett hält eine Sanduhr in der Hand, es hätte auch eine Sense sein können, vielleicht auch ein Strick. Oder die eigene Leber. Niemanden würde es wundern, wenn von Hagens seinen Menschenpark eines Tages durch ein Musterkabinett von genetischen Neuzüchtungen ergänzt.
Längst ist die Plastination von Leichen ein florierender Wirtschaftszweig, es gibt sogar Ableger in Kirgisien und China. Von Hagens, der sich, je nach Windrichtung, abwechselnd auf Freiheit, Aufklärung oder Mündigkeit beruft, fühlt sich in der chinesischen Diktatur deshalb "besonders wohl, weil dort kapitalistische Schaffenskraft und sozialistische staatliche Durchsetzungskraft eine effektive Allianz eingehen". Weder Richter noch eine durch Meinungsfreiheit aufgehetzte Öffentlichkeit pfuschen ihm dort effektiv ins Handwerk. Im Übrigen, zu viel Aufklärung schadet nur. Gunther von Hagens ist nämlich auch ein Spekulant des Toten, wie der Mitteldeutsche Rundfunk in einer Sendung gezeigt hat, die so peinlich genau recherchiert war, dass sie von der ARD aus Feigheit vor ihren Freunden erst gegen Mitternacht ausgestrahlt wurde. Aus den Randzonen der Weltgesellschaft importiert der Anatom Leichen, um sie den Metropolenbewohnern vor Augen zu führen. 300 Mitarbeiter beschäftigt von Hagens, der Umsatz steigt. In Industriegebieten verwandeln sich tote Körper in lebendiges Geld. Das ist gelebter Kapitalismus, und darin gibt es bekanntlich nichts, was nicht zur Ware würde.
Wie das Wirtschaftsunternehmen Körperwelten in den Besitz seines "Ausgangsmaterials" gelangt, liegt laut MDR zuweilen im Dunkeln. Angeblich existiert stets eine Einverständniserklärung, aber in einem Fall, bei den Toten von Novosibirsk, hat der russische Staatsanwalt noch viele Fragen, auch an die eigenen Behörden. Befindet sich in den Urnen, die den Angehörigen ausgehändigt worden waren, wirklich die Asche der Toten? Oder sind die Leichen an die Körperwelten verkauft worden? Gunther von Hagens bestreitet es. Beweisen kann man es nicht.
Auch Lebende geraten schnell in das Visier ihres künftigen Präparators. Zum Beispiel Alexander Sisonenko, ein schwer kranker Exbasketballspieler aus St. Petersburg und mit 2,40 Meter Körpergröße einer der größten Menschen der Welt. Gunther von Hagens, so berichtete der MDR, versprach ihm durch einen Mitarbeiter medizinische Hilfe und ließ ihn nach Deutschland einfliegen. Dort allerdings wartete kein Arzt auf ihn, sondern der Meister selbst. Der russische Patient sollte eine Erklärung unterschreiben und sich mit der postmortalen Weiterverwendung seiner Leiche einverstanden erklären. Auch Geld kam ins Spiel, viel Geld. Von Hagens bestreitet dies. Doch der Brief, der dem MDR vorliegt, trägt eine bekannte Unterschrift: G.v.H.
Gunther von Hagens stammt aus der DDR. Nach einer versuchten "Republikflucht" landete er im Gefängnis und wurde als politischer Gefangener freigekauft. Wüsste man dies nicht, könnte man glauben, seine Nekromanie sei von der sozialistischen Naturwissenschaft der DDR präpariert worden. Sie war berüchtigt für ihren Willen zum Wissen, für ihren Kadavergehorsam gegenüber dem Fortschritt. Sie glaubte felsenfest, man könne die Menschheit von Mythen erlösen und von der heimtückischen Natur gleich dazu. Einiges davon glaubt Gunther von Hagens heute noch immer. Auch er kämpft gegen den Aberglauben, gegen Verzagte und Verklemmte, gegen die Konservativen und die Kirche. Er zeigt der Menge, was sie noch nie mit eigenen Augen gesehen hat - das wirklich Wirkliche, das Echte statt der Simulation. Gleichzeitig fühlt er sich wie ein Renaissancekünstler, der das dunkle Mittelalter überwindet, als seien wir noch mittendrin. Stets ist die Leiche für ihn ein Spiegel, in dem er das Leben betrachtet. Das authentische Dasein haftet am Toten. Wenn ihm Kritiker vorwerfen, er verletze die Würde der Toten, klingen seine Antworten so, als verstünde er nicht einmal die Frage. War nicht auch der Philosoph René Descartes ein begeisterter Zuschauer bei Leichenöffnung? Konnte Descartes irren?
Und können elf Millionen Besucher irren? Die Leichenschau Körperwelten ist die erfolgreichste Ausstellung aller Zeiten, und in Hamburg wird sie rund um die Uhr geöffnet sein. Bis zu elf Stunden warteten die Besucher in Berlin, um zwei Dutzend Ganzleichenpräparate und diverse Leichenaufschnitte zu Gesicht zu bekommen. Und warum? Weil die Körperwelten, wie ihre Verteidiger sagen, mit seltenem Mut gegen die Verdrängung des Todes kämpfen? Vermutlich stimmt das Gegenteil. Gunther von Hagens Kult um die Toten, der nicht zufällig in die Zeit biotechnischer Neubestimmungen fällt, ist nämlich das ideale Gegenstück zum Kult des Lebens. Seine Körperwelten sind Teil der modernen Schlachtordnung im Kampf gegen das endliche Dasein. Sie fügen sich trefflich in eine Gesellschaft, die vom Jugendwahn befallen ist - von einer Massenpanik im Angesicht von Alter und Verfall, dem Horror des Vergänglichen und der Jagd nach der verlorenen Zeit. Die Körperwelten salutieren dem Stahlbad von "Bauch, Beine, Po" und den Exerzitien des Jungbleibens. Sie passen zu den blutigen Opfern, die Städtebewohner an sich selbst vollstrecken: Hungerfasten, Fettabsaugen, Anti-Aging, Soft-Lifting.
Im Erotic Art Museum wird die Leiche zum sexuellen Objekt
Jeder weiß, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen ist. Denn im Körper gibt es einen kreatürlichen Rest, ein alterndes Etwas und ein intrikates Stück unbesiegbarer Natur. Doch während die Jugendwahngesellschaft noch von der Vergänglichkeit um den Schlaf gebracht wird, versprechen die Körperwelten schon die Versöhnung mit dem kreatürlichen Rest, den Sieg über die Angst. Demonstrativ inszenieren sie das sterbliche Etwas als Ereignis der Kunst und präparieren es für ein Weiterleben im Museum. Seht her, so schlimm wird es schon nicht kommen.
Nun mag die Einsicht, Natur und nichts als Natur zu sein, etwas Tröstliches besitzen. Aber darum geht es im Ernst ja nicht. Indem von Hagens den kreatürlichen Rest des individuellen Lebens in die Ewigkeit der Kunst überführt, verwischt er die Grenze zwischen Leben und Tod. In München steckte er einem "Leichenpräparat" einen Zettel in die Hand, Motto: Die Leiche spricht noch. Immer wieder behängt er die Toten mit den Zeichen des Lebens, lässt sie mit einem Basketball spielen oder Rad fahren. Der Tod ist hier kein Skandal, und zu fürchten ist er auch nicht. Die Körpermaschinen leben zwar nicht mehr, funktionieren aber noch. Überhaupt verhält sich von Hagens gegenüber den Toten so, als seien sie alte Bekannte. Seine Parodie der Auferstehung zerrt sie in die Sichtbarkeit, als seien sie noch mitten unter uns und als müsse man nicht um sie trauern. Diese namenlosen Toten, die nicht tot sein dürfen, soll man nicht einmal vermissen. Sie sind nie gegangen und mitten unter uns. Gunther von Hagens beschäftigt sich mit den Toten, um dem Tod aus dem Weg zu gehen.
Im Hamburger Erotic Art Museum, das lässt sich absehen, wird von Hagens seine Grenzverwischung, das inszenierte Ineinander von Leben und Tod, auf die Spitze treiben. Absichtsvoll sucht er die Nähe zum sexuellen Zeichen, zum stärksten medialen Appetizer, der auf dem Markt zu haben ist. "Ultranackt und unzensiert" heißt es in einer Pressemeldung. In einer unfreundlichen Deutung könnte man sagen: Was ihm Dana Horákovás Kulturpolitik durch die Wahl des Ausstellungsortes ermöglicht, ist die Sexualisierung der Leiche - die libidinöse Aufladung des Toten. Sex statt Metaphysik.
Dass die kulturellen Erzählungen vom Tod überflüssig sind, dies suggerieren die Körperwelten auf Schritt und Tritt. Wir brauchen sie nicht mehr. So leugnet die hyperreale Visualisierung des Leichnams nicht nur die Unerfahrbarkeit des Todes; sie verjagt auch die Bilder, in denen Gesellschaften bislang das traumatische Ding ruhelos umkreist und aussichtslos gedeutet haben. Deshalb ist es konsequent, dass Sex und Freiheit die einzigen Orientierungen sind, die von Hagens nach der "Überwindung" kultureller Todesbilder übrig lässt. Von der Macht des Negativen, die die Menschen genötigt hat, ihr Leben als Frist und als gestundete Zeit zu denken, bleibt nichts als Haut und Knochen in einer Vitrine.
Genau das behaupten auch die Philosophen und PR-Berater, die Gunther von Hagens wie eine geistige Eingreiftruppe versammelt hat, um den Menschenpark der Toten publizistisch abzufedern. Sie lassen keinen Zweifel daran, worum es ihnen bei diesem Unternehmen geht: um die Austreibung der Trauer, um die Ausnüchterung der "abendländischen" Todesvorstellungen. Die religiöse Imagination des Sterbens soll zu Ende gebracht und die Rede von der "Würde" der Toten als eine humanistische Fiktion entzaubert werden.
Vieles in dieser Begleitmusik klingt so, als wolle man sagen: Unsere abendländischen Bilder vom Tod, vor allem die christliche Idee der Auferstehung, verstellen den Blick auf die wahre Natur des Menschen, auf das "Eigentliche". Sie täuschen uns über die Tatsache, dass der Homo sapiens nichts anderes ist als Natur, lediglich ein Zwischenfall im kosmischen Kreislauf von Leben und Sterben, Werden und Vergehen. Leider sei den normalen Menschen diese Einsicht verbaut, weil sie evolutionär unsinnige Angstvisionen entwickeln, die ihnen das Natürlichste von der Welt, den Tod, zum Problem werden lassen. Diese Angst ging ihm in Fleisch und Blut über - und über dieses Übel muss er durch Gunther von Hagens, durch die schlagende Verbindung von Wissenschaft und Kunst, aufgeklärt werden.
Nicht von ungefähr bewahrt diese Art Mythenzertrümmerung vom Leben nicht mehr als seine Funktion, genauer: den Mythos seiner Funktion. Die Vitalisierung des Toten vergleichgültigt das Lebendige. Tatsächlich zeigen die Schausteller der Toten nur, wie der Körper funktioniert, und das passt spiegelbildlich exakt zum Basisdenken der Bio- und "Lebenswissenschaften", für die ein Embryo nur ein Zellhaufen ist. Erst wurde der Anfang des Lebens naturalisiert, jetzt ist das Ende dran, Tenor: Wenn wir wissen, wie der Körper funktioniert, wissen wir auch, wofür das Leben gut ist. Deshalb wirkt das, was die Körperwelten als Leben verstehen, seltsam tot - wie etwas, mit dem man sich leider abfinden muss und das man am besten schnell hinter sich bringt.
Viele Zeitgenossen scheinen ähnlich zu empfinden, jedenfalls kann sich Gunther von Hagens vor lebenden Bewerbern für seine Körperwelten nicht retten. Über 6000 Mitbürger wünschen sich nichts sehnlicher, als nach ihrem Tod als Leiche präsentiert und eines unsterblichen Ruhms teilhaftig zu werden. In Interviews geben sie zu Protokoll, dass sie Sehnsucht nach einem Nachleben verspüren, das glücklicher wäre als das Leben selbst. Am liebsten möchten sie, bis ans Ende aller Zeiten, in einem künftigen Life-Museum ausgestellt werden. Sie träumen davon, wie darin der Blick der Welt auf ihnen ruht und niemand sie zwingt, die Blicke zu erwidern. Was kann man vom Leben mehr verlangen?
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