Presse

Über das Berliner Trauer- und Bestattungshaus

Berliner Trauer- und Bestattungshaus feierlich eröffnet
 Berliner Trauer- und Bestattungshaus feierlich eröffnet
 
Quelle: Gazette, Ausgabe Wilmersdorf, Nr. 12 Dezember 2003
 
Am 1. November wurde das Berliner Trauer- und Bestattungshaus am Bayerischen Platz eröffnet. Die Geleitworte für Inhaber Marcus Siekmann und seine Mitarbeiter sprach Sylvia von Kekulé, Pfarrerin der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Neben der klassischen Bestattung werden hier vor allem Trauergruppen und die Möglichkeiten zu Einzelgesprächen angeboten. Auch Bestattungsvorsorge — besonders wichtig, da ab 1.Januar 2004 die Sterbegeldleistungen vom Gesetzgeber eingespart werden — gehört zu dem Dienstleistungsprogramm des Trauer- und Bestattungshauses dazu. Das Unternehmen sieht sich als Ort der Begegnung, das für Angehörigenberatung und Hausbesuche täglich 24 Stunden in Bereitschaft steht. Die regulären Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag 9 bis 18 Uhr und Samstag 9 bis 13 Uhr. In den hellen, freundlichen Geschäftsräumen ist noch bis 31.01.2004 die Bilderausstellung “Lebenszeiten” der Berliner Künstlerin Editha Tamms-Li zu sehen. Das Trauer- und Bestattungshaus befindet sich am Bayerischen Platz 7, 10779 Berlin. Es ist unter der Telefonnummer 850 77 300 zu erreichen.

 Artikel zum Thema “Sterben und Tod”

Die auf unserer Homepage veröffentlichten Presseartikel spiegeln nicht zwangsläufig unsere Meinung und unser Verständnis wieder. Sie sollen jedoch zur Diskussion aufrufen und dazu beitragen, die Themen “Sterben” und “Tod” in die Gesellschaft zu bringen. Gleichzeitig vermitteln sie einen Eindruck vom Umgang der Gesellschaft mit ihren Verstorbenen.

Die Olympiade der Leichen
Quelle: DIE ZEIT, 35/2003
Der Tabubruch erreicht eine neue Qualität: Gunther von Hagens’ “Körperwelten” ziehen in ein Hamburger Erotik-Museum
Von Thomas Assheuer
Eigentlich ist hier, am Nobistor, 50 Meter hinter der Großen Freiheit, die Reeperbahn zu Ende. Möllers Lokal (“deutsche Küche”) stillt den kleinen Hunger danach, einige Sexläden stehen leer oder wurden zweckentfremdet. Auf dem Gehsteig hat jemand einen Eimer weißer Farbe verschüttet. Zwischen dem Spielsalon “Volltreffer” und einem China-Club zwängt sich ein schlankes Gebäude in die Häuserzeile, unter einer Schmutzschicht sieht man noch die leicht vergammelte Eleganz der neunziger Jahre. Das Haus steht leer, sein Besitzer ist pleite, das alte Museumsschild hängt noch: “Erotic Art Museum”.
 
Nichts weckt das Begehren der Hamburger Kulturpolitik mehr als die verlassenen Räume des ehemaligen Erotic Art Museums. Ende August soll hier, komme, was wolle, die Leichenschau Körperwelten gastieren, gleichsam im Naturzustand, so wie ihr Erfinder Gunther von Hagens sie erschaffen hat. Als das zuständige Bezirksamt Einwände wegen der möglichen Verletzung der Totenwürde vorbrachte, zog der Senat das Verfahren geräuschvoll an sich und erklärte die Leichenschau zur Chefsache.
 
Man kann die Freie und Hansestadt Hamburg verstehen. Die Ausstellung von Leichen in verkehrsgünstiger Lage, im Auslauf der Reeperbahn, ist das vitale Hauptereignis der kulturellen Saison und der erste “Erfolg” von Dana Horáková, der Kultursenatorin. Glaubt man dem Leichenpräparator Gunther von Hagens, dann hat sie ihm das Blaue vom Himmel versprochen, die große Freiheit und den Platz an der Sonne. Endlich, so sagte er der Welt, dürfe er seine Leichen in Reih und Glied aufstellen, das ganze Set, darunter sein in München verbotenes und mit Goldfolie zwangsverhängtes Meisterwerk, den toten Reiter auf totem Hengst, für dessen Herrichtung 20 Mitarbeiter jahrelang schufteten.
 
Im Erotic Art Museum, sagt von Hagens, dürfe der Reiter nun “strippen”. Auch die “anatomische Präsentation menschlicher Fortpflanzung” soll zu Aufklärungszwecken “verstärkt” ausgestellt werden, der erigierte Penis eines Toten, eine Klitoris und ein Fötus im Mutterleib. Dass er auch die Kopulation von Leichen und einen Jesus am Kreuz zeigen wolle, bestreitet von Hagens. So ein Projekt müsse “sehr genau durchdacht werden”. Bevor es so weit ist, mag sich das Publikum mit dem “Gestaltplastinat-Puzzle” (1000 Teile mit Haut) die Zeit vertreiben. Vielleicht gibt’s im Museums-Shop auch, was in München verboten war: die Schlüsselanhänger “Fußscheibe” und “Lunge” sowie andere praktische Leichenteil-Imitate für den täglichen Bedarf.
 
Von Hagens nennt seine Leichenschau “Gesundheitsaufklärung”, für die Kultursenatorin ist es ein “Event”. Das ist die Lieblingsphrase der Hamburger Kulturpolitik unter dem Ersten Bürgermeister Ole von Beust. Wie alle populistisch entleerte Politik, ist sie gierig nach Sensation und Spektakel, und wer es nicht mit eigenen Augen erlebt, für den ist die Vulgarisierung, von der Hamburg unter der gerade zerbrechenden Koalition von CDU und Schill-Partei heimgesucht wurde, nur schwer zu begreifen. Eben noch hatte man den pornografisch interessierten Künstler Jeff Koons gebeten, auf der Reeperbahn zwei Baukräne aufzustellen, die sich wie phallische Zeichen über der Lustmeile in den Himmel recken – Hamburg grüßt den Rest der Welt.
 
Gleichwohl hält sich der öffentliche Unmut in Grenzen. Gegen Horákovás Leichen-Event im Erotic Art Museum protestierte lediglich eine Hand voll kirchliche Würdenträger. Das christlich-konservative Bürgertum, das Türen knallend nach Sitte und Anstand ruft, sobald im Theater nacktes Fleisch zu sehen ist, gibt sich bedeckt. Eine Boulevardzeitung, die politisch auf dem linken Flügel spielt, feiert die Totenshow als das “pralle Leben”. Schließlich erwartet die Stadt eine halbe Million Besucher, und das wissen sogar die politischen Gegner.
 
Die Körpermaschinen leben nicht mehr, funktionieren aber noch
 
Gunther von Hagens hat viele Gegner, aber je mehr es werden, desto erfolgreicher sind seine Ausstellungen. Mannheim, Berlin, London, München, Hamburg und bald die ganze Welt. Je umstrittener, desto besser, und so kommt ihm jedes feindliche Bischofswort wie gerufen. Allerdings, selbst Kollegen, die sich von seiner Leichenschau angewidert abwenden, sind der Meinung, Gunther von Hagens habe der wissenschaftlichen Welt eine neue und wichtige Methode geschenkt, das Verfahren der Plastination. Dabei werden Gewebewasser und -fette mit großen Mengen Acetol ausgetrocknet und gegen Kunststoffe ausgetauscht. Als “Trockenpräparate” sind die Leichen nicht nur haltbar bis in alle Ewigkeit; sie eignen sich auch als formbare Biomasse. Der Anatom kann beliebig Hand anlegen und die Leichen richten und dehnen, falten und biegen, recken und strecken. Er kann Muskelstränge verlegen, Organe neu arrangieren und vieles mehr. “Körper sollen so flexibel sein wie Schnuller. Man müsste sie wie einen Schwamm zum Waschen benutzen können.” Stolz zeigt von Hagens einen Schnellläufer mit flügelartig aufgeklappten Muskeln, daneben einen bebrillten Radfahrer, dem Knochen und Muskeln auf das Anderthalbfache ihrer “Originalgröße” gedehnt wurden. Ein Skelett hält eine Sanduhr in der Hand, es hätte auch eine Sense sein können, vielleicht auch ein Strick. Oder die eigene Leber. Niemanden würde es wundern, wenn von Hagens seinen Menschenpark eines Tages durch ein Musterkabinett von genetischen Neuzüchtungen ergänzt.
 
Längst ist die Plastination von Leichen ein florierender Wirtschaftszweig, es gibt sogar Ableger in Kirgisien und China. Von Hagens, der sich, je nach Windrichtung, abwechselnd auf Freiheit, Aufklärung oder Mündigkeit beruft, fühlt sich in der chinesischen Diktatur deshalb “besonders wohl, weil dort kapitalistische Schaffenskraft und sozialistische staatliche Durchsetzungskraft eine effektive Allianz eingehen”. Weder Richter noch eine durch Meinungsfreiheit aufgehetzte Öffentlichkeit pfuschen ihm dort effektiv ins Handwerk. Im Übrigen, zu viel Aufklärung schadet nur. Gunther von Hagens ist nämlich auch ein Spekulant des Toten, wie der Mitteldeutsche Rundfunk in einer Sendung gezeigt hat, die so peinlich genau recherchiert war, dass sie von der ARD aus Feigheit vor ihren Freunden erst gegen Mitternacht ausgestrahlt wurde. Aus den Randzonen der Weltgesellschaft importiert der Anatom Leichen, um sie den Metropolenbewohnern vor Augen zu führen. 300 Mitarbeiter beschäftigt von Hagens, der Umsatz steigt. In Industriegebieten verwandeln sich tote Körper in lebendiges Geld. Das ist gelebter Kapitalismus, und darin gibt es bekanntlich nichts, was nicht zur Ware würde.
 
Wie das Wirtschaftsunternehmen Körperwelten in den Besitz seines “Ausgangsmaterials” gelangt, liegt laut MDR zuweilen im Dunkeln. Angeblich existiert stets eine Einverständniserklärung, aber in einem Fall, bei den Toten von Novosibirsk, hat der russische Staatsanwalt noch viele Fragen, auch an die eigenen Behörden. Befindet sich in den Urnen, die den Angehörigen ausgehändigt worden waren, wirklich die Asche der Toten? Oder sind die Leichen an die Körperwelten verkauft worden? Gunther von Hagens bestreitet es. Beweisen kann man es nicht.
 
Auch Lebende geraten schnell in das Visier ihres künftigen Präparators. Zum Beispiel Alexander Sisonenko, ein schwer kranker Exbasketballspieler aus St. Petersburg und mit 2,40 Meter Körpergröße einer der größten Menschen der Welt. Gunther von Hagens, so berichtete der MDR, versprach ihm durch einen Mitarbeiter medizinische Hilfe und ließ ihn nach Deutschland einfliegen. Dort allerdings wartete kein Arzt auf ihn, sondern der Meister selbst. Der russische Patient sollte eine Erklärung unterschreiben und sich mit der postmortalen Weiterverwendung seiner Leiche einverstanden erklären. Auch Geld kam ins Spiel, viel Geld. Von Hagens bestreitet dies. Doch der Brief, der dem MDR vorliegt, trägt eine bekannte Unterschrift: G.v.H.
 
Gunther von Hagens stammt aus der DDR. Nach einer versuchten “Republikflucht” landete er im Gefängnis und wurde als politischer Gefangener freigekauft. Wüsste man dies nicht, könnte man glauben, seine Nekromanie sei von der sozialistischen Naturwissenschaft der DDR präpariert worden. Sie war berüchtigt für ihren Willen zum Wissen, für ihren Kadavergehorsam gegenüber dem Fortschritt. Sie glaubte felsenfest, man könne die Menschheit von Mythen erlösen und von der heimtückischen Natur gleich dazu. Einiges davon glaubt Gunther von Hagens heute noch immer. Auch er kämpft gegen den Aberglauben, gegen Verzagte und Verklemmte, gegen die Konservativen und die Kirche. Er zeigt der Menge, was sie noch nie mit eigenen Augen gesehen hat – das wirklich Wirkliche, das Echte statt der Simulation. Gleichzeitig fühlt er sich wie ein Renaissancekünstler, der das dunkle Mittelalter überwindet, als seien wir noch mittendrin. Stets ist die Leiche für ihn ein Spiegel, in dem er das Leben betrachtet. Das authentische Dasein haftet am Toten. Wenn ihm Kritiker vorwerfen, er verletze die Würde der Toten, klingen seine Antworten so, als verstünde er nicht einmal die Frage. War nicht auch der Philosoph René Descartes ein begeisterter Zuschauer bei Leichenöffnung? Konnte Descartes irren?
 
Und können elf Millionen Besucher irren? Die Leichenschau Körperwelten ist die erfolgreichste Ausstellung aller Zeiten, und in Hamburg wird sie rund um die Uhr geöffnet sein. Bis zu elf Stunden warteten die Besucher in Berlin, um zwei Dutzend Ganzleichenpräparate und diverse Leichenaufschnitte zu Gesicht zu bekommen. Und warum? Weil die Körperwelten, wie ihre Verteidiger sagen, mit seltenem Mut gegen die Verdrängung des Todes kämpfen? Vermutlich stimmt das Gegenteil. Gunther von Hagens Kult um die Toten, der nicht zufällig in die Zeit biotechnischer Neubestimmungen fällt, ist nämlich das ideale Gegenstück zum Kult des Lebens. Seine Körperwelten sind Teil der modernen Schlachtordnung im Kampf gegen das endliche Dasein. Sie fügen sich trefflich in eine Gesellschaft, die vom Jugendwahn befallen ist – von einer Massenpanik im Angesicht von Alter und Verfall, dem Horror des Vergänglichen und der Jagd nach der verlorenen Zeit. Die Körperwelten salutieren dem Stahlbad von “Bauch, Beine, Po” und den Exerzitien des Jungbleibens. Sie passen zu den blutigen Opfern, die Städtebewohner an sich selbst vollstrecken: Hungerfasten, Fettabsaugen, Anti-Aging, Soft-Lifting.
 
Im Erotic Art Museum wird die Leiche zum sexuellen Objekt
 
Jeder weiß, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen ist. Denn im Körper gibt es einen kreatürlichen Rest, ein alterndes Etwas und ein intrikates Stück unbesiegbarer Natur. Doch während die Jugendwahngesellschaft noch von der Vergänglichkeit um den Schlaf gebracht wird, versprechen die Körperwelten schon die Versöhnung mit dem kreatürlichen Rest, den Sieg über die Angst. Demonstrativ inszenieren sie das sterbliche Etwas als Ereignis der Kunst und präparieren es für ein Weiterleben im Museum. Seht her, so schlimm wird es schon nicht kommen.
 
Nun mag die Einsicht, Natur und nichts als Natur zu sein, etwas Tröstliches besitzen. Aber darum geht es im Ernst ja nicht. Indem von Hagens den kreatürlichen Rest des individuellen Lebens in die Ewigkeit der Kunst überführt, verwischt er die Grenze zwischen Leben und Tod. In München steckte er einem “Leichenpräparat” einen Zettel in die Hand, Motto: Die Leiche spricht noch. Immer wieder behängt er die Toten mit den Zeichen des Lebens, lässt sie mit einem Basketball spielen oder Rad fahren. Der Tod ist hier kein Skandal, und zu fürchten ist er auch nicht. Die Körpermaschinen leben zwar nicht mehr, funktionieren aber noch. Überhaupt verhält sich von Hagens gegenüber den Toten so, als seien sie alte Bekannte. Seine Parodie der Auferstehung zerrt sie in die Sichtbarkeit, als seien sie noch mitten unter uns und als müsse man nicht um sie trauern. Diese namenlosen Toten, die nicht tot sein dürfen, soll man nicht einmal vermissen. Sie sind nie gegangen und mitten unter uns. Gunther von Hagens beschäftigt sich mit den Toten, um dem Tod aus dem Weg zu gehen.
 
Im Hamburger Erotic Art Museum, das lässt sich absehen, wird von Hagens seine Grenzverwischung, das inszenierte Ineinander von Leben und Tod, auf die Spitze treiben. Absichtsvoll sucht er die Nähe zum sexuellen Zeichen, zum stärksten medialen Appetizer, der auf dem Markt zu haben ist. “Ultranackt und unzensiert” heißt es in einer Pressemeldung. In einer unfreundlichen Deutung könnte man sagen: Was ihm Dana Horákovás Kulturpolitik durch die Wahl des Ausstellungsortes ermöglicht, ist die Sexualisierung der Leiche – die libidinöse Aufladung des Toten. Sex statt Metaphysik.
 
Dass die kulturellen Erzählungen vom Tod überflüssig sind, dies suggerieren die Körperwelten auf Schritt und Tritt. Wir brauchen sie nicht mehr. So leugnet die hyperreale Visualisierung des Leichnams nicht nur die Unerfahrbarkeit des Todes; sie verjagt auch die Bilder, in denen Gesellschaften bislang das traumatische Ding ruhelos umkreist und aussichtslos gedeutet haben. Deshalb ist es konsequent, dass Sex und Freiheit die einzigen Orientierungen sind, die von Hagens nach der “Überwindung” kultureller Todesbilder übrig lässt. Von der Macht des Negativen, die die Menschen genötigt hat, ihr Leben als Frist und als gestundete Zeit zu denken, bleibt nichts als Haut und Knochen in einer Vitrine.
 
Genau das behaupten auch die Philosophen und PR-Berater, die Gunther von Hagens wie eine geistige Eingreiftruppe versammelt hat, um den Menschenpark der Toten publizistisch abzufedern. Sie lassen keinen Zweifel daran, worum es ihnen bei diesem Unternehmen geht: um die Austreibung der Trauer, um die Ausnüchterung der “abendländischen” Todesvorstellungen. Die religiöse Imagination des Sterbens soll zu Ende gebracht und die Rede von der “Würde” der Toten als eine humanistische Fiktion entzaubert werden.
 
Vieles in dieser Begleitmusik klingt so, als wolle man sagen: Unsere abendländischen Bilder vom Tod, vor allem die christliche Idee der Auferstehung, verstellen den Blick auf die wahre Natur des Menschen, auf das “Eigentliche”. Sie täuschen uns über die Tatsache, dass der Homo sapiens nichts anderes ist als Natur, lediglich ein Zwischenfall im kosmischen Kreislauf von Leben und Sterben, Werden und Vergehen. Leider sei den normalen Menschen diese Einsicht verbaut, weil sie evolutionär unsinnige Angstvisionen entwickeln, die ihnen das Natürlichste von der Welt, den Tod, zum Problem werden lassen. Diese Angst ging ihm in Fleisch und Blut über – und über dieses Übel muss er durch Gunther von Hagens, durch die schlagende Verbindung von Wissenschaft und Kunst, aufgeklärt werden.
 
Nicht von ungefähr bewahrt diese Art Mythenzertrümmerung vom Leben nicht mehr als seine Funktion, genauer: den Mythos seiner Funktion. Die Vitalisierung des Toten vergleichgültigt das Lebendige. Tatsächlich zeigen die Schausteller der Toten nur, wie der Körper funktioniert, und das passt spiegelbildlich exakt zum Basisdenken der Bio- und “Lebenswissenschaften”, für die ein Embryo nur ein Zellhaufen ist. Erst wurde der Anfang des Lebens naturalisiert, jetzt ist das Ende dran, Tenor: Wenn wir wissen, wie der Körper funktioniert, wissen wir auch, wofür das Leben gut ist. Deshalb wirkt das, was die Körperwelten als Leben verstehen, seltsam tot – wie etwas, mit dem man sich leider abfinden muss und das man am besten schnell hinter sich bringt.
 
Viele Zeitgenossen scheinen ähnlich zu empfinden, jedenfalls kann sich Gunther von Hagens vor lebenden Bewerbern für seine Körperwelten nicht retten. Über 6000 Mitbürger wünschen sich nichts sehnlicher, als nach ihrem Tod als Leiche präsentiert und eines unsterblichen Ruhms teilhaftig zu werden. In Interviews geben sie zu Protokoll, dass sie Sehnsucht nach einem Nachleben verspüren, das glücklicher wäre als das Leben selbst. Am liebsten möchten sie, bis ans Ende aller Zeiten, in einem künftigen Life-Museum ausgestellt werden. Sie träumen davon, wie darin der Blick der Welt auf ihnen ruht und niemand sie zwingt, die Blicke zu erwidern. Was kann man vom Leben mehr verlangen?
 
Vom Sterben fürs Leben lernen
 Vom Sterben fürs Leben lernen
 
Quelle: www.jump-cut.de/filmkritik-demtodinsgesichtsehen.html
 
Der Dokumentarfilm “Dem Tod ins Gesicht sehen” von Stefan Haupt erzählt die bewegte Lebensgeschichte von Elisabeth Kübler-Ross, Ärztin und Wegbereiterin für Sterbebegleitung und Hospize.
 
Wer Angst vorm Sterben hat, hat eigentlich Angst vorm Leben, sagt die Ärztin Elisabeth Kübler-Ross, die sich Zeit ihres Lebens in ihren Studien und ihrem Lebenswerk dem Sterben gewidmet hat. Nun steht sie selber an der Schwelle zum Tod. Der Regisseur Stefan Haupt hat Elisabeth-Kübler Ross gefilmt, hat sie über ihr Leben berichten lassen, lässt sie erzählen, wie sie 1926 als das erste Mädchen von Drillingen zur Welt kam. Fotografien zeigen die drei, Hand in Hand, durch gleiche Kleidung zu Spiegelbildern ihrer selbst geklont. Die Suche nach der eigenen Identität wurde zu Kübler-Ross’ Leitmotiv. Verlangten die Eltern von ihr, das Erdbeerbeet zu jäten, jätete Elisabeth den Gemüsegarten. Und das Mädchen, das heiraten und Hausfrau werden sollte, machte eine akademische Ausbildung und wurde Ärztin. Eine Ärztin, deren obere Priorität nicht war, Leben zu verlängern sondern es den Patienten zu ermöglichen ein selbstbestimmtes Leben zu führen – bis zum Ende. Sie spricht mit den Sterbenden, spricht mit ihnen über den Tod, über Ängste und Loslassenkönnen. Sie kidnappt Sterbende aus dem Krankenhaus, um ihnen ihren Wunsch auf einen Tod im vertrauten Kreise zu erfüllen. Sie gibt Seminare über Sterbebegleitung, wird Psychiaterin, schreibt Bücher (u.a. Interview mit Sterbenden), reist durch die Welt, baut Zentren auf für Seminare und Workshops, kämpft für ein Hospiz für an Aids erkrankte Kinder. Ihre Arbeit ist ihr Leben, für ihre Arbeit verlässt sie die Familie.
 
Lange Kamerafahrten, vorbeirauschende Landschaften – unterlegt mit verlorenem Saxophongesang oder sakralen Bachkompositionen – , dokumentieren Kübler-Ross’ Ortswechsel, von der Schweiz in die USA, von New York, nach Chicago, Esconido , Virginia. Und dann der Vogelkäfig, auf den sie heute von ihrem Krankenbett aus blickt. Die ehemals aktive Frau ist immobil – gelähmt durch mehrere Schlaganfälle und einen Unfall liegt Elisabeth-Kübler-Ross in einem Pflegeheim. “Ich will so lange durchhalten, wie ich mich selber baden und mir den Hintern abwischen kann”, sagt sie. Sie kann vom Leben nicht lassen, sagt ihre Schwester.
 
Kann sie oder kann sie nicht? Anders gefragt: Was bedeutet der Umgang mit dem Tod anderer fürs eigene Sterben? Eine klare Antwort kann der Film, will Elisabeth Kübler-Ross nicht geben. Immerhin: Sie wirkt unberührbar, souverän, oft humorvoll und erzählt von den Dingen, die sie noch lernen muss, bevor sie gehen kann.
 
Körperwelten -- Hagens darf Professoren-Titel nicht mehr verwenden (kostenpflichtig bei spiegel.de einzusehen)
“Körperwelten”: Hagens darf Professoren-Titel nicht mehr verwenden
 
Neuer Ärger für Gunther von Hagens: Der umstrittene Leichenpräparator darf nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ab sofort in Deutschland nicht mehr den Titel Professor führen.
 
Hamburg – “Wenn er noch einmal in Dokumenten oder neu aufgelegten Publikationen in Deutschland seinen von der chinesischen Universität Dalian verliehenen Professorentitel verwendet, droht ihm laut Strafgesetzbuch eine Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr wegen Missbrauchs von akademischen Titeln”, sagte ein Sprecher des Düsseldorfer Wissenschaftsministeriums.
 
Seit einem Jahr verfolgt die Landesbehörde immer wieder Hinweise, dass Hagens seinen ausländischen Professoren-Titel nicht ordnungsgemäß mit dem Zusatz “VRC” für Volksrepublik China führt. Am Donnerstag erklärten die Anwälte Hagens nun schriftlich, ihr Mandant werde den Titel Professor künftig nicht mehr verwenden.
 
von Hagens' Leichenhandel -- Neues Verfahren in Russland (kostenpflichtig bei spiegel.de einzusehen)
 
“Körperwelten”: Hagens darf Professoren-Titel nicht mehr verwenden
 
Neuer Ärger für Gunther von Hagens: Der umstrittene Leichenpräparator darf nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ab sofort in Deutschland nicht mehr den Titel Professor führen.
 
Hamburg – “Wenn er noch einmal in Dokumenten oder neu aufgelegten Publikationen in Deutschland seinen von der chinesischen Universität Dalian verliehenen Professorentitel verwendet, droht ihm laut Strafgesetzbuch eine Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr wegen Missbrauchs von akademischen Titeln”, sagte ein Sprecher des Düsseldorfer Wissenschaftsministeriums.
 
Seit einem Jahr verfolgt die Landesbehörde immer wieder Hinweise, dass Hagens seinen ausländischen Professoren-Titel nicht ordnungsgemäß mit dem Zusatz “VRC” für Volksrepublik China führt. Am Donnerstag erklärten die Anwälte Hagens nun schriftlich, ihr Mandant werde den Titel Professor künftig nicht mehr verwenden.
 
Ob wegen der neuen Vorwürfe ein Ermittlungsverfahren in Deutschland eingeleitet wird, blieb zunächst weiter offen. Es sei noch keine Entscheidung gefallen, sagte die Heidelberger Oberstaatsanwältin Elke O’Donoghue am Mittwoch. Es sei internationale Rechtshilfe angefordert worden. In Deutschland wäre nach ihren Angaben der Tatbestand der Störung der Totenruhe erfüllt.
 
Um die Vorwürfe zu prüfen, hatte sich von Hagens einige Tage Recherche-Zeit genommen. Die vielen Details in dem Artikel könnten nicht in kürzerer Zeit nachgeprüft werden, sagte eine Sprecherin der “Körperwelten”. Wegen des SPIEGEL-Berichts hatte von Hagens seit dem Wochenende öffentliche Auftritte abgesagt – unter anderem eine Podiumsdiskussion mit kirchlichen Gegnern am Mittwochabend in Frankfurt am Main.
 
Proteste der Hospizstiftung
 
Die Deutsche Hospizstiftung hat vor der Pressekonferenz Proteste angekündigt, um “auf die entsetzlichen Entgleisungen” des Plastinators aufmerksam zu machen. Die in Dortmund ansässige Vereinigung will die Ausstellungsstücke symbolisch bestatten. Auf ihrer 8. deutschen Station sind die “Körperwelten” seit einer Woche und noch bis Mitte April in Frankfurt-Fechenheim zu sehen.
 
Die Universität Heidelberg distanziert sich unterdessen von ihrem früheren Mitarbeiter. Die Uni habe lediglich an andere Anatomien im In- und Ausland die Materialkosten für bestellte Präparate in Rechnung gestellt, die für Forschungs- und Lehrzwecke bestimmt waren. Von finanziellen Unregelmäßigkeiten und dem SPIEGEL-Vorwurf, von Hagens habe in seiner Heidelberger Wohnung seit 1991 Leichen seziert und plastiniert, habe die Universität bis heute keine Erkenntnisse.
 
Trend zur anonymen Bestattung
In Hamburg ist es jeder Vierte, in Berlin sind es über 40 Prozent: Verstorbene, die anonym bestattet werden.
 
(C) Aeternitas e.V.
 
Die Verbraucherinitiative Aeternitas beobachtet seit Jahren, dass die Zahl derer steigt, die kein Grab mit Namen wollen oder bezahlen können. Dies bestätigt nun auch eine Studie der Universität Leipzig. Danach lag der Anteil anonymer Bestattungen in Deutschland 2009 bei 28 Prozent, 1999 noch bei 23 Prozent.
 
Die Gesellschaft verändert sich und damit auch die Friedhöfe. Christliche Traditionen und familiäre Bindungen verlieren an Bedeutung. Die Pflege eines Grabes wird vielen zu teuer, zu mühsam oder ist wegen weit verstreut lebender Familien kaum möglich. Deshalb werden immer mehr Menschen anonym beigesetzt – in einem Grab ohne namentliche Kennzeichnung. Günstiger kann, auch das spielt für viele eine entscheidende Rolle, eine Bestattung in Deutschland nicht sein. „Bei manchen steht die anonyme Bestattung auch für den Ausdruck des Protests gegen ein fehlendes attraktives Grabangebot auf dem Friedhof“, sagt der Aeternitas-Vorsitzende Hermann Weber. Immer mehr Friedhöfe reagieren und bieten günstige, pflegefreie Gräber mit gärtnerischer Gestaltung an.
 
Beim Anteil der anonymen Bestattungen beobachten die Leipziger Forscher ein Ost-West-Gefälle. 2009 wurden in Ostdeutschland 46 Prozent (1999: 36 Prozent) der Verstorbenen ohne namentliche Kennzeichnung beigesetzt, in Westdeutschland 18 Prozent (1999: 15 Prozent). Innerhalb der alten Bundesländer besteht ein Gefälle zwischen dem Norden und dem Süden. In Niedersachsen mit 32 Prozent (1999: 22 Prozent), Bremen mit 29 Prozent (1999: 22 Prozent) und Nordrhein-Westfalen mit 29 Prozent (1999: 20 Prozent) ergaben sich hier die höchsten Werte. Im überwiegend katholischen Bayern waren es nur 13 Prozent (1999: fünf Prozent), in Baden-Württemberg sieben Prozent (1999: sechs Prozent). Für die Studie befragten die Forscher deutsche Kommunen mit mehr als 10.000 Einwohnern. 88 von 293 angeschriebenen Verwaltungen gaben ihre Zahlen an.
 
Die vorgelegten Daten sind der erste Teil eines Forschungsprojekts der Universität Leipzig zur Bestattungskultur. Die Leipziger Wissenschaftler suchen für die weitere Forschung Gesprächspartner, die sich selbst zu Lebzeiten für eine anonyme Bestattung, aber auch für eine See-, Baum- oder Naturbestattung entschieden haben. Interessenten wenden sich bitte an die Diplom-Soziologin Nicole Sachmerda-Schulz unter E-Mail: sachmerda@uni-leipzig.de oder Telefon: 0341 / 973 71 82.
 
Quelle: Pressemitteilung Aeternitas e.V.
 
Von den Toten leben
 Von den Toten leben
 
aus: DER TAGESSPIEGEL, 21.05.2003, Berlin
 
Sie treffen sich im Krematorium, dienstlich. Denn die Geschäfte laufen schlecht. Und nun fällt auch noch das Sterbegeld weg, klagen die Bestatter. Ein Branchenbericht.
 
Von Kirsten Wenzel
 
Sie sind einer fürs Sterben, Sie können das, sagte die Oberin, das hab ich im Gefühl. Andere würden bei so einem Satz blass werden, für den Zivildienstleistenden Markus Siekmann war er ein Ritterschlag. Er war stolz darauf, die Arbeit mit Totgeweihten erfordert viel Einfühlungsvermögen und seelische Robustheit, das kann nicht jeder. Markus Siekmann ist eine imposante Erscheinung, langer Gehrock, schwarzer Siegelring am Finger, 31 Jahre alt und Berlins jüngster Bestatter. Wenn es sein muss, prügelt er sich für die Würde der ihm Anvertrauten, wie letztes Jahr bei der Beerdigung eines kleinen Mädchens, das im Kinderwagen verbrannt war. Die Pressefotografen wollten die Mutter am Grab nicht in Ruhe lassen, irgendwann mussten ihre Kameras dran glauben. Siekmann war vorher Pfleger und Trauerbegleiter im Hospiz, jetzt gründet er gerade ein eigenes Sterbe- und Trauerhaus. Auch wenn das, wie er zugibt, in diesen Zeiten eine ziemlich verrückte Idee ist. Aber dennoch glaubt er, dass er mit seinem Konzept eine Marktlücke entdeckt hat.
 
Die Branche steckt in Berlin schon länger in der Krise: Jedes Jahr gibt es weniger Tote in der Stadt, die Lebenserwartung steigt Jahr für Jahr, “Mortalitätsrate unter zehn Promille gesunken”, seufzt Axel Kluth von der Landesinnung, und bei ihm klingt das so, als würde aus purer Gemeinheit bald überhaupt niemand mehr sterben wollen. Immerhin sind es noch 2500 Menschen im Monat, 83 am Tag, alle Viertelstunde einer – und doch ist das zu wenig. Zu wenig für die Unterhaltung der riesigen Friedhofsflächen, über die Berlin verfügt, und zu wenig für die 276 Beerdigungsunternehmen in der Stadt. Umsatzeinbußen über 30 Prozent beklagten sie in den letzten Jahren. Dann auch noch die Halbierung des Sterbegeldes von 1050 auf 525 Euro zu Beginn des Jahres und nun die angekündigte komplette Abschaffung für das nächste Jahr.
 
Bunt bemalte Särge
 
Es wäre sicherlich übertrieben, nun gleich den Untergang der Zunft nahen zu sehen. Viele, wie der jetzt ausgerechnet von der Ideal-Lebensversicherung übernommene Branchenriese Grieneisen mit 180 Filialen und einem Umsatz von 37 Millionen Euro, machen nach wie vor ein sehr gutes Geschäft. Daran wird auch die Streichung des Zuschusses von der Krankenkasse wenig ändern. Klagen gehört zum Handwerk. Bislang schauen die Deutschen im Trauerfall nicht aufs Geld, wählen aus Pietät nicht das billigste Sargmodell, holen nur selten Vergleichsangebote ein. Es gibt ordentliche Gewinnspannen und satte Aufschläge: Bei jeder Dienstleistung, die der Bestatter vermittelt, ob Blumengebinde, Trauerkutsche oder Grabredner, stets verdient er mit. Dennoch: Das Klima wird rauer, das Geld knapper, die Konkurrenz um die Sterbefälle härter.
Arbeitstreffen im Andachtsraum des Krematoriums Treptow. Eingeladen hat die Gesellschaft für weltliche Trauerkultur zu der Frage: “Wie können wir besser mit den Toten, wie von den Toten leben?” Siekmann und zehn Kollegen treffen sich, es sind die Engagierten, die Reformer. Die genug haben von dunkelvioletten Jalousien, der Urne im Schaufenster und der Primel auf dem Tisch. Die die staubigen Bestattungsrituale aufmischen wollen, mit bemalten Särgen und Sonnenblumen auf dem Grab. Warum nicht die Urne im heimischen Garten beisetzen oder in der Lagune von Venedig? Oder noch besser: die Asche des Geliebten in einem Medaillon an der Brust tragen? Noch steht bei so mancher Idee der Gesetzgeber im Weg: Es gibt die strikte Friedhofspflicht für Urnen und einen Haufen anderer Verordnungen.
 
Siekmann ist kein Pop- oder Eventbestatter. Er wünscht sich etwas weniger Staub und glatte Routine, doch sein Anliegen ist ein klassisches. Weg vom Verkaufsgespräch, hin zur individuellen Begleitung des Trauernden. Die psychologische Betreuung von Menschen in der Ausnahmesituation Trauer, das ist bis heute in der Branche keineswegs Standard. Aber dafür werden sie bezahlt. Bei manchen Kollegen würden die Angehörigen an einem Counter beraten, sagt Siekmann, als wollten sie einen Mietwagen leihen.
 
Zum Schluss ein Fest mit den Lieblingsblumen, der Lieblingsmusik, von einem Streichquartett gespielt, das muss man sich leisten können. Und auch wollen. Die Kosten des Todes beginnen schon mit der Ausstellung des Totenscheins, dann folgt eine fast endlose Liste von Rechnungen. Hausabholung und Hülle etwa 250 Euro; Sarg mindestens 500 Euro; Krematoriumsgebühren in Berlin 270 Euro; Friedhofsgebühren etwa 900 Euro, Grabpflege natürlich extra. Zuzüglich Redner, Leichenwäsche, Blumen, Trauerkarten, Leichenschmaus, die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. Bisher lieferte das “Sterbegeld” einen Sockelbetrag dazu, der verhinderte, dass sich jemand aus Kostengründen im Garten verscharren ließ. Auch in Zukunft springt die Sozialhilfe mit bescheidenen Sätzen ein, bei denen, die nicht bezahlen können. Aber was ist mit denen, die den Pappsarg fordern oder die beträchtlichen Friedhofsgebühren sparen wollen? Soll man sie auch weiterhin zum Respekt vor ihren eigenen sterblichen Überresten zwingen?
 
In Karsten Frombergs Geschäft steht gleich am Eingang ein Sarg, ein Prunkstück aus massiver Eiche und riesengroß, mit Kupferbeschlägen und Schnitzereien. Auf dem Preisschild steht: 8950 Euro, Deutschlands teuerster Sarg, in Fachkreisen inoffiziell auch “Familiengruft” genannt. Willy Brandt wurde in einem solchen Sarg beerdigt, erzählt Fromberg, und wissen Sie, was die “Bild”-Zeitung schrieb? “Brandt liegt in einem schlichten Eichensarg”. Das nennen die schlicht. Fromberg stammt aus einer alten Bestatterfamilie, sein Urgroßvater gründete das Unternehmen 1875. Der war natürlich noch Tischler und sein Großvater auch. Das kunstfertige Bauen eines Sargs war damals die Hauptaufgabe des Bestatters.
 
Der Tod riecht süß
 
Als Karsten Fromberg ein Junge war, setzte ihn seine Mutter zum Spielen in einen Sarg, mit Sägespänen und einer Schaufel. Ganz normaler Alltag in einer Kreuzberger Unternehmerfamilie. Mit sechs half er seinem Vater schon beim Ausschlagen der Särge. Die Schulkameraden fanden es herrlich, ihn zu besuchen, schön gruselig. Bis er 19 war, sagt Fromberg, war der Tod nichts Bedrohliches und nur eine Angelegenheit der anderen. Dann starb sein Großvater, und der heitere Kinderblick auf das Gewerbe ging ihm verloren.
Bei Fromberg gibt es keinen modischen Schnickschnack, dafür ganz traditionell eine große Modellausstellung im Keller, Särge von 500 bis 8000 Euro. Die altrosa Polstersitzgruppe in seinem Besprechungsraum könnte auch in dem Wohnzimmer einer älteren Dame stehen. Der einzige bunte Sarg ist hellblau, mit Sternen und Monden, für ein Kind. Da kann ich gar nicht hingucken, sagt Fromberg und nennt es Berufspessimismus. Vor 14 Wochen ist er Vater geworden. Er ist ein unscheinbarer Mann, korrekt im Zweiteiler gekleidet, er hat Bankkaufmann gelernt. Die Ausbildung passt wie die Faust aufs Auge, sagt er, Rechtsberatung, Finanzberatung, Vollmachten, mit solchen Fragen sitzen die Menschen bei ihm. So manche alte Dame müsse er aus Knebelverträgen mit Sterbegeldversicherungen rausboxen. “Die zahlen zum Teil 400 Euro im Monat und das seit Jahren. Ausgezahlt wird später ein Bruchteil. Da kann man doch nicht weggucken.”
 
Es gibt wenig reiche Leute in Kreuzberg, die für einen polierten Furniersarg mit seidenem Innenbett 4000 Euro hinlegen können. Natürlich kommen da welche in sein Geschäft, die vorschlagen, man könne doch auch einen Plastiksack nehmen. Ich müsste ihnen auch dafür 500 Euro abnehmen, sagt Fromberg, ich werde für meine Dienstleistung bezahlt. Wenn jemand möchte, verkauft er auch den billigsten Sarg – eigentlich für eine Feuerbestattung vorgesehen – für eine Erdbestattung. Ich sag ihnen nur, was passiert, wenn da 1800 Kilo Erde drauffallen. Der Sarg geht kaputt, der Tote wird zerquetscht. Ich stell das jedem frei.
 
Der Tod riecht süß und ist kalt, sagt der Bestatter, und es ist schwer, sich daran zu gewöhnen. Nicht an den Geruch, der ist nicht so schlimm, auch wenn der Körper schon ein paar Tage liegt. Nein, die Kälte des Körpers, die sei schwer zu begreifen, weil wir die Haut nur warm kennen. Der Tod macht den Menschen Angst, auch Fromberg, der noch heute zusammenzuckt, wenn er über eine Leiche treten muss, um das Fenster zu öffnen. Doch Angst ist etwas anderes als das blinde Wegschieben. 36 Stunden könnten Verstorbene nach den Vorschriften noch zu Hause bleiben. Fromberg schlägt das gerne vor. Soll ich etwas später kommen, fragt er, dann können Sie sich noch in Ruhe von Ihrem Mann verabschieden. Eine Kerze anzünden, ein letztes Gespräch, noch einmal zusammen Musik hören. Da wäre viel möglich an Individualität, dafür braucht man keine Reform. Kommen Sie so schnell wie möglich, antworten die allermeisten. Neun von zehn.
 
Mehr als 70 Prozent aller Bestattungen führen heute ins Feuer. In zwei Stunden wird dort aus dem Leichnam wieder ein sauberes Häufchen Staub, das ist billiger und für die meisten Zeitgenossen weniger unheimlich als der leibhaftige Weg unter die Erde. Im Hightech-Krematorium Treptow, von Kanzleramtsarchitekt Axel Schultes entworfen, fahren Roboterfahrzeuge mit Barcodes versehene Särge von der Kühlhalle zu den Verbrennungsöfen. Man möchte diese Arbeit keinem Menschen mehr zumuten. Verständlich, und doch sagt es viel aus, dass dieser industrielle Vorgang, in Abwesenheit des Menschen, heute der Normalfall ist. Die Urne wird dem Friedhof auf dem Postweg zugestellt.